Ich bin dann mal weg....

Hallo, ihr wunderschönen Menschen da draußen!

Hier bin ich mit einem exklusiven Special, in dem ich mich euren Fragen stelle - diesmal aus dem gemütlichen Wohnzimmer unserer WG in Timişoara!

Vorab ein paar Worte zu meiner momentanen Verfassung, dem langen und beschwerlichen Weg nach Rumänien und meinem Abschied von Zuhause. 


Prolog

Es war einmal ein heißer Sonntagnachmittag im idyllischen Striesen unter den träge herabhängenden Köpfen der Sonnenblumen, da saß ein kleines Mädchen mit tränendem Gesicht, schrecklich betrübt über das Lebewohl zu ihrem innig geliebten Nest, noch nicht ganz flügge.

Sie riskierte einen letzten Blick auf das Blau ihres Schwimmbeckens, die vertrockneten Grashalme, an denen ein faules Insekt entlang krabbelte und den Schatten des Haselnussstrauches, der sie vor dem Sirren der Hitze bewahrte.

Als das Mädchen in den Bus stieg, sind ihre sentimentalen Anwandelungen beinahe vergangen, denn nach zwei Stunden Bangen, ob ihr Bus erscheint und zwei hinuntergeschlungenen Sandwiches, bleiben ihr wenig Kraftreserven für einen dramatischen Abschied.

Eine hastige Umarmung mit schwitzigen Fingern und nassen Äuglein und der Bus war weg.


Meine Befürchtungen haben sich als unnütz herausgestellt und wir erreichen am frühen Nachmittag des nächsten Tages wohlbehalten Timisoara!

Heute ist Sonntag und meine erste  Woche in dieser wunderschönen Stadt ist vergangen.

Was soll ich also erzählen ohne in die Gefilde kitschiger Kalendersprüche und leerer Worthülsen abzudriften? Meine aktuelle Gefühlslage schwankt zwischen Ruhelosigkeit und gespannter Erwartung. Vermutlich bist du aber kein Freund meiner larmoyanten Ergüsse, deswegen werde ich direkt zu deinen Fragen kommen!


Was ist der Döner Rumäniens?

Tja, die Faulen unter uns sind stets getrieben von der Frage nach dem schnellen Essen. Als  Food-Hedonistin möchte ich euch die rumänischen Köstlichkeiten nicht vorenthalten!

Mămăligă oder Maisgries lautet DAS  Nationalgericht, ein rumänische Pendant zu Polenta, welches hier gern mit smântână serviert wird. Auch mit Sarmale, sogenannten Krautwickeln mit Fleisch (es gibt auch eine Veggie-Variante!!!) kannst du deinen Hunger überlisten.


Wie hast du die ersten Tage verbracht?

Meine ersten Tage waren vollgestopft mit Begegnungen, Ausflügen in das Stadtzentrum Timişoaras und einem Besuch in Bakova. Mit einer alten Bahn sind wir durch die Wiesenlandschaft gewackelt und haben in dem kleinen, aber feinen Dörfchen Altenheim, Farm und Kindertagesstätte besucht – alles Projekte der Caritas. Zudem hatten wir unsere ersten Besuchsdienste, waren im Kloster und haben die frisch gewonnene Freiheit einer Teenie-WG in vollen Zügen ausgekostet.

Vor ein paar Stunden ist mein erster Arbeitstag im Hospiz rumgegangen und ich bin vorerst aus der Puste, dazu ein andermal mehr. 


Wie reagieren die Leute, wenn sie erfahren, woher du kommst und wieso?

Bis jetzt durchweg positiv! Auf Arbeit und in den Projekten sind die Menschen vor Ort Freiwillige gewöhnt und wir wurden stets mit Herzlichkeit und einer warmen Umarmung begrüßt. Die schwierige Frage nach dem „Warum“ stellt man uns aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse noch nicht. So ein Glück.


Wie funktioniert die Verständigung im Alltag, wenn du kein Rumänisch kannst?

In dieser Hinsicht hab ich mit Rumänien die Glückskarte gezogen, die mir allerdings zum Verhängnis werden kann. Unsere Projektpartner sprechen alle gutes Deutsch, die Jugend kommuniziert auf Englisch und im Hospiz helfe ich mir mit Händen und Füßen bzw. mein verdattertes Gesicht spricht Bände. Meine Rumänischkentnisse sind – Achtung Euphemismus! – bisweilen noch bescheiden.


Was fällt dir besonders auf?

Die alten Eisen- und Straßenbahnen mit denen wir gemütlich durch die Stadt tuckeln und ordentlich durchgeschüttelt werden. Zebrastreifen sind die Ampeln Rumäniens mit dem Vorteil, dass du als Fußgänger das Vorrecht hast- vorausgesetzt du schaust stur geradeaus.

Sorgsam gepflegte Parks hat Timişoara zuhauf und das Flussufer der Bega ist gesäumt von saftigem Grün und Cafes.  Weitläufige Plätze und Straßen prägen das Bild der Innenstadt, nur die nervigen Touristenmassen bleiben aus.

Als besonders bereichernd empfinde ich das große kulturelle Angebot, denn Timisoara hat drei Nationaltheater, die Opera Nationala Romana , eine Philharmonie und viele Museen.

Internet und soziale Netzwerke sind übrigens überlebenswichtig, wenn du nicht in sozialer Isolation versinken willst.


Wie sind die Einwohner?

Also DIE Einwohner existieren nicht, aber ich durfte die Rumänen stets als sehr offenherzig und kontaktfreudig erleben. Eine ehemalige Freiwillige hat die rumänische Mentalität als „knackig“ beschrieben. Frei nach dem Motto: Ganz oder gar nicht! Sei etwas nicht halb, sondern von ganzem Herzen!


 Gibt es ein starkes Bewusstsein oder einen Stolz bei den Leuten in Timisoara, weil dort die Revolution begonnen hat? Lebt der ungarische Kirchenmann noch, um den es damals ging?

Auf jeden Fall! Dafür genügt es, sich die Namen der öffentlichen Plätze anzusehen. Piazza della Libertà, Piata Victoriei oder die Schusslöcher in den Gebäuden sind Zeugen der Geschichte. Was mit dem Kirchenmann ist….puuuuhhh. Frag doch Google! 


Wie sind die Lebenshaltungskosten in Rumänien? Was ist teurer, was ist billiger als in Deutschland?

Die meisten Dinge sind billiger, auch weil das monatliche Gehalt nach Mindestlohn nur 322 Euro beträgt. Du kannst aber definitiv das Dreifache ausgeben, denn hier kann man alles kaufen, was das Herz begehrt. Im dm wird sogar der Hipster mit Baumwoll-Turnbeutel auf der Suche nach veganen  Rohkost-Riegeln fündig – selbstverständlich solange man die Groschen für dieses Vergnügen hat. Ohne Lei kein Essen, keine Kultur und keine Teilhabe. Klar kannst du alles von der TK-Pizza bis zu den Klamotten im 200 m entfernten Lidl kaufen, deinem Geldbeutel zuliebe und der Existenz lokaler Betriebe solltest du Wochenmärkte und Flohmärkte allerdings den Konsumtempeln vorziehen.

Zugleich schockiert und begeistert haben mich die Berge von deutscher Second-hand-Mode, wo schicke Kleidung für 50 cent verscherbelt wird.  Wenn du deine Kleidung auch neu kaufst, solltest du vielleicht auch mal einen Gedanken über dein Kaufverhalten riskieren.


Gibt es sichtbaren Wohlstand bzw. sichtbare Armut dort?

Beides sind Phänomene, denen ich im Alltag begegne, wobei Armut überwiegt. Das ist der Mann, der neben im Park auf der Bank schläft. Das sind junge Menschen in der Straßenbahn, die aus ihrer Tüte Kleber schnüffeln, die Fingerspitzen schwarz. Und da sind Roma-Frauen, die für ihre Kinder um Geld bitten. Und gegenüber ein prunkvoller Sommerpalast dergleichen.


Vielen Dank für eure investigativen Fragen – es war mir ein inneres Blumenpflücken! 

Hoffentlich konnten meine Antworten euch befriedigen.


Bis bald,

Eure Pauline


P.S. : Ich freue mich schon auf eure neuen Fragen und Kommentare!