Nichts zu sagen

Hallo, ihr wunderschönen Menschen da draußen!

Es ist wieder Herbst und mit dem eisigen Sausewind und dem warmen Farbenmatsch aus Erdtönen und leuchtendem Birnengelb kommt die Zeit, in der Ruhe einkehrt und ich mich mit einer dampfenden Tasse Hagebuttentee über die blütenweißen Seiten meines Tagebuches setze und grüble. Meinen letzten Blogeintrag habe ich mit den Worten „…denn ich habe viel zu erzählen“ begonnen, demnach erscheint es mir angemessen, bisweilen mit dieser Tradition zu brechen. Eigentlich ist es gar nicht meine Tradition, sondern eine Folgeerscheinung der Konfrontation mit dem Unbekannten. Das wandelnde Klischee eines Freiwilligen in einem akuten Anfall von „Ich rette die Welt!“. Stets mit der leisen Hoffnung, das Leben ein wenig besser zu begreifen. Zu verstehen. Eine Meinung zu haben, weil das ja so wichtig ist. Im Hintergrund die en suite flüsternde Stimme des Urteils, messerscharf. 

Ich habe mich daran gewöhnt, zu allem und jeden eine Meinung zu haben. Haltung zeigen, so sagen wir das – nur dass es kein bisschen zählt, was wir denken. Aus meiner Sicht war eine starke Meinung stets Ausdruck von Souveränität als emanzipierte und selbstbewusste Frau. 

Heute schreibe ich voller Überzeugung „…denn ich habe nichts zu sagen“ und statt einem kleinen Bisschen müsst ihr euch mit einem luftleeren Raum begnügen, weiße Wände gebaut aus meinen Worten. Füllen müsst ihr ihn schon selber. Deswegen möchte ich heute darüber schreiben, wie es ist, hin und wieder nicht zu urteilen.  Nichts zu sagen zu haben.  Früher hat mich so ziemlich alles auf die Palme gebracht, was nach meinen moralischen Vorstellungen falsch war.  Prallvoll gefüllte Primarktüten. Ein saftiges Steak auf dem Teller.  Zwei Kilogramm Kosmetik auf Elfenbeinhaut, für die womöglich ein Tier sein Leben lassen musste.

Nicht dass sich meine Meinung geändert hat. Nicht dass sie falsch wäre, gibt es doch kein richtig und falsch. Aber mein Urteil ist nicht mehr so absolut und erbarmungslos wie früher.

Ich gestehe mir ein, dass ich keinen blassen Schimmer habe, welche Verhältnisse  zu gewissen Umständen geführt haben. Stattdessen gehe ich gelassener mit anderen Sicht- und Lebensweisen um. Nicht dass die Menschen hier so anders sind, sondern weil zwischenmenschliche Begegnungen im Zentrum meines Auslandjahres stehen.

Nichts sagen können. Ich habe gelernt, dass es keine Worte braucht, unterschiedliche Meinungen nicht zählen und Stille nicht unbeholfen sein muss, wenn sich deine warmen Hände öffnen und deine Augen lachen. Womöglich versucht ihr es zuweilen mit weniger Meinung und gemeinsamen Schweigen.

Ich hoffe, dass Ihr – meine lieben Leserinnen und Leser – wohlauf seid und freue mich auf unser nächstes Rendezvous! 


Ne vedem,

Eure Pauline


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