Ein klitzekleines Bisschen

Hallo, ihr wunderschönen Menschen da draußen!

Ich bin spät dran. Ein Monat habt ihr es ohne meine Plaudereien aushalten müssen. Die Zeit des Wartens ist jedoch vorbei, denn ich habe viel zu erzählen.

Gleichermaßen fällt es mir schwer aus dem Ozean an Gefühlen einen klaren Gedanken herauszufischen, der isoliert für sich nur einen Flickenteppich ergäbe, dessen fehlende Puzzleteile sich die LeserInnen aus ihrem persönlichen Reservoir an Erfahrungen und Glaubenssätzen zusammenbasteln. 

Nichtsdestotrotz möchte ich versuchen meine Wahrheit zu erzählen, nicht die eine Wahrheit und so müsst ihr euch mit einem klitzekleinen Bisschen begnügen.


Zumindest kann ich behaupten, alles mitgenommen zu haben. In sechs Wochen Rumänien habe ich die beachtliche Leistung vollbracht, sowohl das Krankenhaus als auch die Polizeistation von Temeswar von innen zu sehen und ein Fahrrad zu verschleißen. Abgesehen von diesem kleinen Zwischenfall geht es mir wunderbar und ich bin dankbar für all die wunderschönen Erlebnisse.


Das Gefühl meiner flatternden Haare im hochsommerlichen Winde, wenn ich über den prachtvollen  Piața Victoriei fahre, die erhabenen Klänge des Konzertes, das ich mit Frau K. besucht habe, die Geborgenheit, sich mit seinen Mitfreiwilligen abends in die Decken zu kuscheln und gebannt dem Flimmern einer Serie zu folgen. Der Geruch von frischgebackenen Hafer-Schoko-Keksen und das Schallen der Musik, die jedes Wochenende von den belebten Ufern der Bega erklingt. Das warme Gelb der Laternen, welche die weißen Fassaden der Innenstadt in eine Leinwand aus Licht und Schatten verwandelt.


Jetzt wo meinen Schwärmereien Genüge getan ist,  geht’s ans Eingemachte:

Ich habe Post bekommen! Ja, du, genau du hast mir geschrieben und ich werde dir Rede und Antwort stehen.


Wie viel kannst du schon auf Rumänisch sagen? Vorbesti românește?

Auf diese Frage antworte ich breit grinsend mit „puțin“ während Zeigefinger und Daumen ein Müh andeuten. Ein klitzekleines bisschen. Ausreichend um nicht zu verhungern, meine Wenigkeit höflichst  vorzustellen und zu verhindern, dass die Konversation mit meinen redseligen Arbeitskolleginnen im Keim erstickt. 


Hast du schon andere Leute in deinem Alter kennengelernt (außer deinen Mitbewohnern) und vielleicht schon potentielle Freunde gefunden? 

Ja, das habe ich tatsächlich! Unsere wundervolle Vorgängerin Lotti hat uns ihrem Freundeskreis vorgestellt und beim Meet und Speak habe ich bereits eine Freundin kennengelernt. 


Was gibt es dort nicht, aber in Deutschland, was du am meisten vermisst? 

Bisweilen vermisse ich nichts Spezifisches, was das Prädikat „Typisch Deutsch“ trägt. Auch hinter dem Bratwurst- und Bierhorizont lässt es sich recht komfortabel leben.

Ich vermisse euch wunderbaren Menschen! Ich vermisse es, mich nicht erklären zu müssen. Nicht händeringend und sprachlos rumzustehen, weil meine Rumänischkentnisse nicht ausreichen, um in Worte zu fassen, was ich sagen möchte. Mit einer Person außerhalb meiner WG auf einer Wellenlänge sein und über alles sprechen zu können. 

Ich vermisse mein soziales Umfeld, nicht einen besonderes Ort – der Begriff Menschweh wäre für mich wohl angemessener als Heimweh.

Ach doch, mir ist etwas eingefallen!

Ich vermisse die Melancholie des Spätsommerlichts und der schrägen Schatten, die auf die goldenen Steine der Häuser fallen und die herbe Frische des Herbstes, die meine müden Knochen wachrüttelt.


Gibt es schon etwas was du so toll findest, dass du es gerne auch in Deutschland hättest? 

Essen, ganz viel Essen. Frisches und regionales Obst- und Gemüse für einen Spottpreis, cremegefüllte Torten überzogen mit einer reichlichen Schicht Schokolade und dazu die Gastfreundschaft der Rumänen. Solltest du zu Besuch eingeladen sein, nimm stets eine kleine Aufmerksamkeit mit.

Besonders diese kleinen Gesten des Alltags erscheinen mir liebenswert und sympathisch.

Ich schätze die Herzlichkeit und die innige Umarmungen zur Begrüßung an Stelle eines kühlen Händedrucks. 

Und nicht zu vergessen: der Brotschneideautomat in unserem Lidl, dessen Klinge wie ein Schlachtbeil anmutet und ebensolche Geräusche von sich gibt.


Gibt es in Timişoara etwas das dich an der Mentalität oder an Verhaltensweisen sehr verwundert oder beeindruckt hat?

Ehrlich gesagt: Nein. Ich glaube allerdings nicht, dass Timisoara der beste Ort ist, um das kennenzulernen, was manche als typisch rumänisch bezeichnen würden.

Der Banat ist im Vergleich zum Süden und Osten des Landes eine industrialisierte Gegend und Timişoara eine internationale Studentenstadt mit vielen Ausländern. Beinahe westlich. Zudem ist Rumänien ein Teil der EU, so dass der Kulturschock bei mir ausblieb. 


Neben all den positiven Erlebnissen – was fällt dir negativ auf?

Die wahrscheinlich interessanteste Frage, die ich euch leider nicht klar beantworten kann.

Selbstverständlich gab es unangenehme Situationen und ebenso Zustände, die ich – ausgewachsen in Deutschland – als negativ betrachten könnte. Will ich aber gar nicht.

Gewisse Dinge laufen anders, aber sie funktionieren auf ihre Weise, auch wenn es uns befremdlich erscheinen mag. Gewisse Dinge sind anders, aber mir obliegt es nicht, sie deswegen als falsch zu bezeichnen, nur weil wir es in meinem Heimatland anders machen.

Der einzige Punkt, der mir hin und wieder auffällt, ist die Erwartung anderer Menschen, mich nach dem zu verhalten, was als typisch Deutsch gilt. Und ich gestehe ehrlich, dass Pünktlichkeit bei Nachmittagstreffen nicht meine Stärke ist.


Last but not least: ihr wolltet wissen, wie mein Tag aussieht! 

 „Morgenstund hat Gold im Mund!“ lautet mein Motto, wenn ich mich 20 Minütchen vor Acht auf mein boredeauxfarbenes Bicicleta schwinge und in der kühlen Luft des anbrechenden Tages ins Hospiz radele.

Um 15 Uhr ist meine Arbeit vollendet – zumindest von Montag bis Donnerstag. In den Stunden des Nachmittags und Abends habe ich entweder meinen Sprachkurs, besuche Frau K., gebe einmal die Woche Nachhilfe oder verbringe meine Zeit mit meinen Mitbewohnern in der Küche.

 Am Freitag heißt es Ausschlafen, um zur neunten Stunde mit zwei Stücken Dobostorte bei Käthe aufzuschlagen. Danach führt mich mein Weg ins Kloster, wo ich das Essen unserer Köchin genieße und danach in die Suppenküche gehe, wo Obdachlose zu Mittag essen. Schwuppdiwupp ist die Arbeit getan und ich erledige noch meinen anderen Besuchsdienst mit Frau K.. 

Der Existenz meiner tiefen Augenringe zuwider falle ich dann aber nicht ins Bettchen und verschlafe das Wochenende, alle Viere von mir gestreckt, sondern erkunde die Stadt mit meinen wunderbaren Mitbewohner*Innen Dela und Samuel. Vor uns sind weder das deutsche Staatstheater noch die kuscheligen Cafes Timişoaras sicher. In der Stadt ist nie flaute und so gibt es stets Kultur zu erleben. Im Zweifelsfall tut es auch die Matratze unseres Sofas, um eine Runde zu Kuscheln. 

Am Sonntag essen wir im Kloster und gehen daraufhin kurz in die Suppenküche. Ansonsten steht als Verpflichtung nur Großeinkauf und Frühjahrsputz auf unserer TO-DO-Liste.


Das war es dann auch schon mit einigen Momentaufnahmen aus meinem neuen Leben!

Ich entlasse euch jetzt in die Freiheit – in der Hoffnung, dass ich eure Fragen halbwegs befriedigend beantwortet habe und ihr etwas schlauer bezüglich Rumänien seid. Nur ein klitzekleines Bisschen.


Ne vedem,

Pauline


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